Wann muss ich mit meinem Kind zum Osteopathen?

Als rund um mich herum mehr Freunde und Bekannte Eltern wurden, wurden die Visitenkarten von guten Osteopathen wie wertvolle und gut gehütete Geheimnisse ausgetauscht. Und auch als mein Sohn uns mit seinen ganz normalen „Baby-Eigenheiten“ wie nicht-abgelegt-werden wollen oder nicht-gut-zu-schlafen herausforderte, wurde mir wiederholt der Ratschlag gegeben, ihn beim Osteopathen vorzustellen. Er könne eine Blockade haben und deswegen nicht abgelegt werden wollen. Er könne ja „schief“ sein und sich deswegen nicht gut entspannen können.

Ich wurde neugierig. Über Blockade habe ich in meiner pädiatrischen Ausbildung nichts gelernt. Und auch wurde ich mit nur sehr wenig „schiefen“ Babys konfrontiert.

Was steckt hinter diesen osteopathischen Diagnosen? Und ist der Hype um Osteopathie bei Babys gerechtfertigt?


Osteopathen für Babys geben an, Fütter-, Schlafstörungen und exzessives Schreien behandeln zu können. Und damit sind sie Anlaufstelle für die verzweifelten Eltern aller Babys. Denn welches Baby schläft von Anfang an durch, schreit kaum und stillt, trinkt und isst ohne Auffälligkeiten? Mir ist keins bekannt.

Noch dazu begegnen die Osteopathen mit den richtigen Begrifflichkeiten wie „ganzheitliche und individuelle Medizin“ und „Ursachen- und nicht Symptombehandlung“ einem berechtigten Bedürfnis der Eltern, nämlich mit ihren Sorgen gesehen und gehört zu werden. Leider gibt es beim Kinderarzt oft zu wenig Raum und Zeit, um den Familien offen zu begegnen und Fragen mit Geduld zu beantworten. Genau dieser Mangel an Zeit beim Arzt führt in Deutschland zu einer großen Nachfrage an alternativen Behandlern, die im Gegensatz den Patienten Zeit und Zuwendung entgegenbringen.


Osteopathen behandeln, indem sie über die Lösung sogenannter Blockaden Fehlstellungen des Skeletts oder Erkrankungen der inneren Organe beheben. Auch chronische Erkrankungen wie Autismus sollen über kraniosakrale Therapie durch „Harmonisierung des Rhythmus zwischen Wirbelsäule und Gehirn“ behandelt werden können. Dabei ist in Deutschland (anders als in den USA) der Begriff des Osteopathen nicht geschützt. Osteopathisch behandeln darf man auch nach einigen Wochenend-Crashkursen.


Nach etwas Recherche-Arbeit in osteopathischen Lehrbüchern wurde mir klar, dass der viel benutzte Begriff der Blockade nicht einheitlich definiert ist. Diese kann sowohl eine Blockade durch Muskelverspannungen bedeuten als auch eine „Blockade im Energiefluss“. Solche Blockaden will der Osteopath durch Handauflegen erspüren und heilen. Die Evidenzlage dieser Art der Behandlung ist mau. Auch die Studien, die der Verband der Osteopathen Deutschlands e.V. (VOD) auf seiner Website überzeugend auflistet, sind bei näherer Betrachtung der Aussagekraft ernüchternd. Einzig und allein für Rückenschmerzen kann die osteopathische Behandlung Ergebnisse aufzeigen. Studien auf anderen medizinischen Gebieten weisen erhebliche methodische Mängel auf, sind nicht verblindet (Behandler und Patient wissen also, wer welche Behandlung erhält), vergleichen nicht mit der Standardtherapie oder haben kleine Fallzahlen. Dazu kommt, dass die osteopathische Behandlung nicht standardisiert ist und vom Gefühl des Osteopathen abhängt (sogenannte individuelle Behandlung).

2013 untersucht ein großes Review in der Zeitschrift Pediatrics speziell den Effekt von osteopathischen Behandlungen in der Pädiatrie und kann keine Evidenz belegen. Ironischerweise listet der VOD genau dieses Review auch auf seiner Homepage auf. Die OSTINF-Studie, die die Wirksamkeit osteopathischer Behandlung bei Säuglingen untersucht, ist methodisch so schwach, dass auch hier keine relevante Aussagekraft erzielt werden konnte.

Kritisch zu sehen ist außerdem die von Osteopathen inflationär benutze Diagnose des „schiefen Babys“. Das KISS-Syndrom, eine angebliche kopfgelenkinduzierte Symmetriestörung wurde von dem Chirurgen Biedermann beschrieben. Bis heute gibt es keine wissenschaftliche Evidenz für das Syndrom, was durch die angebliche Fehlstellung im HWS-Bereich praktisch jedes Symptom produzieren kann, mit dem die Eltern in den ersten Lebensjahren konfrontiert sind. Exzessives Schreien, Fütterprobleme, aber auch Aufmerksamkeitsstörungen in den späteren Lebensjahren sollen durch die geburtsbedingte Fehlstellung im HWS-Bereich bedingt sein.

Babys können mit einem Schiefhals (med. Torticollis) auf die Welt kommen, der behandlungsbedürftig und vergleichsweise selten ist. Eine gewisse anfängliche Assymetrie in der Kopfhaltung oder der motorischen Entwicklung in den ersten Lebenswochen ist aber normal und durch kleine elterliche Kniffe wie eine richtige Lagerung gut zu beheben. Die Assymetrie vieler Babys ist durch die Enge im Bauch in den letzten Schwangerschaftsmonate gut zu erklären. Der Kinderarzt Herbert Renz-Polster hat außerdem gut beschrieben, wie die Assymetrie durch ständiges Auf-den-Rücken-legen der Kinder im Bett, im Laufstall oder im Kinderwagen verstärkt wird. Mit Schreiunruhen und Lösung von angeblichen Blockaden hat eine Schiefstellung in den ersten Lebenswochen aber nichts zu tun.


Warum ging es dir und deinem Baby nach einer osteopathischen Behandlung gleich so viel besser?

Nicht zu unterschätzen ist der Placeboeffekt, der ein Besuch beim Osteopathen auslösen kann. Baby und Eltern werden in ihren Problemen, gesehen, es wird sich Zeit genommen, es wird Hand aufgelegt, es wird im Verlauf nachgefragt. Das kann den Eltern ein Gefühl der Ruhe und des Selbstbewusstseins geben, das Gefühl etwas zum Beispiel gegen das Schreien des Babys tun zu können. Die Ruhe der Eltern überträgt sich wiederum auf das Baby. Die gesamte Familie erholt sich.

Noch dazu spielt den Osteopathen die Zeit in die Karten. Viele Probleme der Babyzeit wie Schreiphasen, Schlafprobleme und das Bedürfnis nach ständigem Körperkontakt geben sich von allein durch die Weiterentwicklung der Hirnreife und der Motorik.