Verwöhntes Baby?

Die Frage, in wieweit Babys verwöhnt werden können, hängt eng damit zusammen, welche Generation man zu dem Thema befragt.

Die heutige Sicht auf die Babys und das Wissen um ihre kognitiven Fähigkeiten hat sich über die letzten Generationen stark verändert.


Die Generation unserer Eltern wurde von einer Generation aufgezogen, der im dritten Reich eine andere Vorstellung von Erziehung vermittelt wurde.

Zu dieser Zeit waren Teile der Gesellschaft überzeugt davon, dass Kinder „verzärtelt“ werden könnten und man schon Babys abhärten sollte. Blättert man heute in den bekannten Bücher der damaligen Zeit wie zb. „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ von der Lungenfachärztin Johanna Haarer, läuft es einem bei diesen Erziehungstipps kalt den Rücken herunter.

„Die Überschüttung des Kindes mit Zärtlichkeiten, etwa gar von Dritten, kann verderblich sein und muss auf die Dauer verweichlichen. Eine gewisse Sparsamkeit in diesen Dingen ist der deutschen Mutter und dem deutschen Kinde sicherlich angemessen.‘ […] statt in einer ‚läppisch-verballhornten Kindersprache‘ solle die Mutter ausschließlich in ‚vernünftigem Deutsch‘ mit ihm sprechen, und wenn es schreie, solle man es schreien lassen. Das kräftige die Lungen und härte ab.“

Man kann sich heutzutage vorstellen, dass die Umsetzung solcher unmenschlichen Erziehungsratschläge nicht zur „Charakterbildung“ beigetragen hat, sondern beziehungsunsichere, traumatisierte Babys und Kinder hervorgebracht hat, die wiederum dieses Schicksal zum Teil an die nächste Generation weitergegeben haben (transgenerationale Traumata). Diese Zeit mag einem heute weit weg vorkommen und man möchte meinen, solche Ansätze haben nichts mit der eigenen Elternschaft zu tun, aber wir wissen heute, dass das Bindungsverhalten von Generation zu Generation weitergegeben wird (siehe Studie 2016 von Forschern um Marije Verhage von der Universität Amsterdam).

Gerade in der westlichen leistungsorientierten Gesellschaft ist kontraintuitives Babyhandling nach wie vor häufiger als man denkt. Eines der meist verkauften Kinderbücher und Bestseller „Jedes Kind kann schlafen lernen“ von Annette Kast-Zahn und Hartmut Morgenrot findet sich nach wie vor in jeder grösseren Buchhandlung und stellt Eltern ruhige Nächte in Aussicht, wenn sie ihr Baby nachts nicht aus dem Bett nehmen würden, auch wenn das Kind weine. Auch kinderärztliche Kollegen verteilen gerne Ratschläge dieser Art an frischgebackene und müde Eltern: „einfach drei Nächte schreien lassen, und dann ist das Schlafproblem gelöst“. Die Kinderfeindlichkeit in unserer Gesellschaft ist nach wie vor salonfähig.

Doch lösen wir einmal den Blick von Erziehungsratgebern und schauen darauf, was für Folgen es für unsere Kleinsten hat, wenn wir sie zu früh „erziehen“. Je kleiner die Babys, desto eingeschränkter sind die Kommunikationsmöglichkeiten der Babys: um auszudrücken, dass ein Bedürfnis erfüllt werden muss, bleiben nur Mimik, Gestik und Schreien. Das Baby, was auf seine Äußerungen keine Reaktion der Eltern bekommt, lernt, dass seine Äußerungen nichts wert seien oder nüchtern evolutionsbiologisch betrachtet: dass sein Schreien eine Verschwendung der Energiereserven darstellen könnte. Viele Babys geben nach kurzer Zeit den Kontaktversuch das Schreien auf- das Ignorieren des Schreiens hat also früher oder später Erfolg und die Eltern gehen davon aus, dass die Kinder nun gelernt hätten, durchzuschlafen. Ähnliches Verhalten kann man auch im Tierreich beobachten. Wenn ein Verhalten viel Energie kostet und nicht zum Erfolg führt, wird es aufgegeben ("Schutzstarre").

Die Kinder lernen also nicht zu schlafen, sondern sie geben ihre Versuche auf, sich Schutz zum Schlafen zu holen.

Die Eltern haben mit dem Ignorieren des Schreiens eine behavioristische Methode angewandt (Belohnung und Bestrafung) und sind der Meinung, damit einen Teil des Charakters des Kindes zu formen oder zumindest zu erreichen, dass das Baby sich selber beruhigt. Wenn ein gewisses Verhalten (hier in unserem Beispiel Schreien) bestraft oder ignoriert würde, dann trete es seltener auf. Umgekehrt könnte nach diesem Modell davon ausgegangen werden, dass nach Belohnung (zb Aufmerksamkeit, Trost) eines gewissen Verhaltens (Schreien) dieses dadurch verstärkt wird.

Diese Angst schlummert tief in den Eltern und wird durch die Umwelt verstärkt. Genau aus dieser Angst resultieren Ratschläge wie dass man „nicht auf jeden Mucks des Babys hören sollte“, dass man das Baby „nicht immer sofort hochnehmen sollte, wenn es weint“, weil man dann das Weinen mit Aufmerksamkeit belohnen würde und so das Baby lerne, dass es nur weinen muss, um hochgenommen zu werden. Wir unterstellen dem Baby also eine Macht über seine Eltern, diese mit seinem Verhalten so zu manipulieren, dass es alles das bekomme, was es wolle.


Wenn wir unsere Babys schreien lassen, erreichen wir damit aber eine Überempfindlichkeit des Stressreaktionsystems. Wir können also dauerhafte Traumata auslösen, und auf lange Sicht dafür sorgen, dass die Kinder im Leben anfälliger für psychische Erkrankungen werden. Sofort und prompt auf das Schreien und den Stress eines Babys zu reagieren, führt also nicht zu kleinen Tyrannen, sondern zu Menschen, die durch tiefes Urvertrauen gestärkt, vermutlich leichter durch das Leben gehen können. Man sieht schon im Kindergartenalter, dass Kinder, die bindungssicher aufwachsen, Stressbelastungen besser bewältigen können.


Die Natur legt die Bedürfnisse der Babys so an, um ihnen ein Überleben in der heutigen Welt zu sichern. Das mag uns aus heutiger Perspektive nicht immer plausibel erscheinen, deswegen möchte ich kurz genauer drauf eingehen. Natürlich würde ein Baby in der heutigen Zeit auch allein in seinem Bettchen ohne Mamas Brust einschlafen können und unversehrt am nächsten Morgen dort wieder aufwachen. Es protestiert aber heftig, sobald die Mutter das Zimmer verlässt. Das ist nicht der Fall, weil das Baby etwa seine Eltern tyrannisieren möchte oder „schon alle an der Nase herumführt“. Es weint, weil in seinem Kopf der Steinzeitmodus angesagt ist: Babys in der Steinzeit, die ihre Eltern beim Einschlafen protestlos ziehen lassen haben, haben mit höherer Wahrscheinlichkeit nicht den nächsten Tag erlebt. Evolutionär gesehen ist das Verhalten also reine Überlebensstrategie.

Kognitiv sind Säuglinge nicht in der Lage, ihre Macht über ihre Umgebung wahrzunehmen und einzusetzen. Ein Baby im ersten Lebensjahr ist sich seiner Selbstwirksamkeit nicht bewusst.

Die Bedürfnisse der ganz Kleinen sind also für das reine Überleben angelegt, differenzierter wird es, wenn wir uns Kleinkinder und ihre Bedürfnisse anschauen.

Kinder jenseits des Säuglingsalters können verwöhnt werden- hier halten sich die Bedürfnisse nicht immer von Natur aus die Waage. Von Verwöhnung bei Kindern sollte man sprechen, wenn bestimmte Bedürfnisse dieser Kinder „überbefriedigt“ werden und es dem Kind in ständiger Bedürfnisbefriedigung verweigert wird, eigene Erfahrungen in unserer Welt zu sammeln.