Vitamin D + Fluorid bei Säuglingen: Was ich lange selbst falsch erklärt habe
- 8. Apr.
- 2 Min. Lesezeit

Vitamin D + Fluorid bei Säuglingen: Was ich lange selbst falsch erklärt habe
Als Kinderärztin muss ich etwas zugeben, das mir im Nachhinein wirklich zu denken gibt:
Ich habe in meiner Ausbildung gelernt, dass man die Vitamin-D-Fluorid-Tablette einfach in die Backentasche geben kann.
Oder in Milch auflösen.
Und ich habe das so weitergegeben.
Erst deutlich später – nicht im Studium, nicht in der Weiterbildung, sondern durch eigenes Nachlesen – bin ich darauf gestoßen, dass das so nicht den Herstellerangaben entspricht.
Und das ist ein Problem.
Was tatsächlich in der Packungsbeilage steht
Die gängigen Kombinationspräparate (Vitamin D + Fluorid) sollen:
👉 in Wasser vollständig aufgelöst werden
👉 und dann als Lösung gegeben werden
Nicht:
trocken in die Backentasche
nicht „einfach so“ im Mund zergehen lassen
nicht unkontrolliert in Milchflaschen geben
Warum?
Weil sich Tabletten nicht immer zuverlässig auflösen,
und gerade bei Säuglingen besteht die Gefahr, dass Tablettenreste aspiriert werden.
Ein tragischer Fall, der aktuell diskutiert wird
Vor kurzem wurde über einen Fall berichtet, bei dem ein Säugling vermutlich an den Folgen einer nicht korrekt verabreichten Tablette verstorben ist.
Quelle u. a.: Artikel in der Pharmazeutische Zeitung
Natürlich: Solche Ereignisse sind extrem selten.
Aber sie zeigen etwas sehr Wichtiges:
👉 Anwendungsfehler sind real
👉 und sie passieren nicht aus Nachlässigkeit, sondern oft aus falscher Anleitung
Das eigentliche Problem: Systemische Weitergabe von Halbwissen
Was mich daran besonders beschäftigt:
Das ist kein individuelles Versagen einzelner Eltern.
Und auch nicht einzelner Ärzt:innen.
Es ist ein Systemproblem.
Wissen wird weitergegeben,
ohne dass jemand noch einmal in die Originalquelle schaut.
Und genau so entstehen Sätze wie:
„Einfach in die Backentasche legen“
„Geht auch mit Milch“
Die sich hartnäckig halten – obwohl sie nicht korrekt sind.
Und dann kommt die Realität im Familienalltag
Viele Eltern entscheiden sich ohnehin für:
👉 Vitamin-D-Tropfen
Warum?
einfacher in der Anwendung
weniger Fehleranfälligkeit
kein Risiko durch unvollständig gelöste Tabletten
Und genau hier kommt ein weiterer Punkt dazu:
Seit Jahren gibt es Diskussionen zwischen Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde:
👉 Braucht es Fluorid systemisch (Tabletten)?
👉 oder reicht lokale Fluoridierung (z. B. Zahnpasta)?
Die Empfehlungen wurden angepasst – und sind für Eltern oft schwer verständlich.
Was ich heute anders mache
Heute bespreche ich mit Eltern viel differenzierter:
Welche Option passt zu euch im Alltag?
Wie sicher könnt ihr die Anwendung umsetzen?
Wo liegt das geringste Risiko für Fehler?
Und ganz konkret:
👉 Wenn Tabletten:
exakt erklären, wie sie aufgelöst werden
(inkl. Wassermenge, vollständiges Auflösen, richtige Gabe)
👉 Wenn Unsicherheit besteht:
lieber auf Tropfen ausweichen
Denn:
👉 Die beste Therapie ist die, die korrekt angewendet wird
Mein wichtigster Punkt zum Schluss
Dieser Fall zeigt nicht, dass Eltern etwas „falsch machen“.
Er zeigt:
👉 Wir müssen besser erklären.
👉 Und wir müssen selbst regelmäßig überprüfen, was wir weitergeben.
Ich nehme mich da ausdrücklich nicht aus.



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