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Kurzer Leitfaden an alle Berufe, die mit Kindern zu tun haben über Kindesmisshandlung

Kindesmisshandlung ist definiert als Vernachlässigung, sexueller Missbrauch, psychische und körperliche Misshandlung.

Soweit so gut. Doch unklar ist nach wie vor, wie die Schwelle zur Misshandlung überschritten wird. Eine Ohrfeige? Regelmäßige Entwertung durch Worte?

Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftige, desto mehr entsetzen mich die nackten Zahlen: die Prävalenz in Europa für sexuellen Missbrauch für Mädchen liegt bei 13,4 % und für Jungen bei 5,7%. Für körperliche Misshandlung gibt es keinen Geschlechterunterschied- die Prävalenz liegt hier bei 29,1%! Für körperliche Vernachlässigung liegt die Prävalenz bei 16,3% und die emotionale Vernachlässigung bei 18,4%. Meistens liegen mehrer Misshandlungsformen kombiniert vor.

Obwohl wir von einer hohen Dunkelziffer ausgehen müssen, ist die Häufigkeit erfreulicherweise rückläufig. Trotzdem müssen wir davon ausgehen, dass in Deutschland mehrere Millionen Kinder betroffen sind.

Meine Kollegen im medizinischen Bereich oder all diejenigen, die viel mit Kindern zusammenarbeiten, möchte ich ein bisschen für das Thema sensibilisieren und habe nun ein paar Facts und Take Home messages zusammengefasst.



Zeichnung: die blauen Stellen sind Stellen, an denen ein Kind sich typischerweise verletzt. Die roten Stellen sind ungewöhnlich und sollten uns genauer hinschauen lassen.

Hier sollten wir wachsam sein:

  • Hämatome, also blaue Flecken entstehen, wenn Kinder mobiler werden. Bei einem Säugling sind sie also unmöglich.

  • Passt der angebliche Unfallhergang zum Alter des Kindes? Ein sehr kleiner Säugling wird eher unwahrscheinlich vom Wickeltisch zu fallen , möglich ist es aber. Treppenstürze führen eher selten zu Knochenbrüchen.

  • Komisch ist es auch, wenn die Geschichte zu einem Unfallhergang variiert.

  • Doctor-hopping kann einen Hinweis auf das Vertuschen von Verletzungen geben. Kinder, deren Verletzungen erst Tage später (zum Beispiel dann aus schlechten Gewissen) ärztlich vorgestellt werden, werden häufiger körperlich misshandelt als Kinder, die direkt nach einem Unfall vorgestellt werden.

  • Verhaltensauffälligkeiten wie übergriffiges oder sexualisiertes Verhalten sollte abgeklärt werden.

körperliche Misshandlung

Kinder stürzen und haben deswegen ständig blaue Flecken. In Berufen, die mit Kindern zu tun haben, sollten wir aber ein auffälliges Verletzungsmuster erkennen.

Der geschulte Kinderarzt achtet außerdem auf

  • Lippen und Zungenbändchen, harter Gaumen, welche bei aggressivem Füttern verletzt werden können

  • Die Hinterohrregion , an der es zu Hämatomen oder Einrissen bei Gewaltanwendung kommen kann

  • Und auf behaarte Kopfhaut

Besondere Vorsicht ist bei dunkel pigmentierter Haut geboten : hier werden Hämatome im Zweifel schlechter entdeckt .

Verbrennung/ Verbrühung

Verbrühung bezeichnet die Verbrennung durch feuchte Hitze , Verbrennungen geschehen durch trockene Hitze. Es gibt Studien aus Amerika , die davon ausgehen, dass zehn Prozent aller Verbrennungen im Zuge von Misshandlungen entstehen. Gerade hier muss man also als medizinisches Personal besonders gut hinsehen! Gerade Säuglinge und kleine Kinder haben nach kurzen und auch weniger heißen thermischen Schädigungen eine größere Gefahr für schwerwiegende Schädigungen als Erwachsene.


Hellhörig sollte man dann werden, wenn Verbrühungen eine Handschuhform- oder Sockenform haben. Das spricht für das Eintauchen in heiße Flüssigkeit.

Ebenfalls hellhörig werden sollte man bei Verbrennungen am Rücken, Schultern, Unterarmen, Handrücken und Gesäß. Wenn Kinder mit Verbrennungen an den Händen vorgestellt werden und die Handfläche mitbetroffen ist, so kann es sein, dass eine Hand gewaltsam auf eine Herdplattr gedrückt wurde.

Knochenbrüche:

Kinder verletzen sich alle drei Nase lang. Das ist klar. Vor allem die über 5jährigen können sich da auch mal Knochenbrüche zuziehen. Bei Kindern unter 3 sollte man aber schon mal genauer auf den Unfallhergang höre , bei Säuglingen sollten alle Alarmglocken angehen. Dabei sollte man beachten: kann das Kind in dem Zustand seiner motorischen Entwicklung den geschilderten Unfallhergang bewältigt haben ? Passt das Verletzungsmuster zueinander ?

Kurz zum Thema Schütteltrauma:

Hierzu möchte ich kurz auf meinen Artikel auf den Blog hinweisen- hier ist mehr dazu zu lesen.

Vernachlässigung

Vernachlässigung ist die häufigste Form der Kindesmisshandlung und wahrscheinlich auch die, die am meisten übersehen wird. Oft geht aber Vernachlässigung mit körperlicher Misshandlung einher und deswegen sollten wir alle Augen und Ohren offen halten.

Hier sind alle Berufe gefragt, die mit Kindern zusammenarbeiten. Denn nur einmal ein verdrecktes Kind zu sehen, heißt ja erst mal gar nichts (wer kennt das nicht, dass mittags schon das zweite Outfit gefragt ist und man gar nicht mehr hinterherkommt mit dem Klamotten wechseln?)


Deswegen muss man bei Vernachlässigung schon genauer hinschauen und ich möchte dir hier mal ein paar Gedanken geben, um dich zu sensibilisieren:

1. körperliche Vernachlässigung: unzureichende Grundversorgung des Kindes in den Bereichen Ernährung, Kleidung, Heim, Hygiene und Sicherheit. Je kleiner das Kind, desto eher sprechen wir auch von einer körperlichen Gefährdung.

Ein guter Hinweis ist der Zahnstatus des Kindes.

2. Emotionale Vernachlässigung: es fehlt an emotionaler Zuwendung auf den verschiedenen Ebenen. Wir sprechen hier von einem Mangel an liebender Fürsorge oder auch „Erziehungsstile“ die zu einer Traumatisierung des Kindes führen können wie Einsperren, Abwerten, Ausnutzen, Ablehnen, Isolierung..

3. medizinische Vernachlässigung

4. Erzieherische Vernachlässigung: hiermit meint man, dass eine altersgerechte Lebens- und Spielumgebung fehlt , falscher Umgang mit Medien , fehlende Bildungsförderung, aber auch eine Überbehütung kann zu einer Vernachlässigung führen (das Kind kann sich nicht adäquat entwickeln).

5. Verletzung der Aufsichtspflicht

Sexueller Missbrauch bei Kindern

Take home messages für medizinisches Personal :

Über 90 Prozent der sexuell missbrauchten Kindern haben einen körperlichen Normalbefund!
„Normal does not mean nothing happened“

Wenn Kinder darüber sprechen, kann sich die Beschreibung des Missbrauchs von dem tatsächlich Geschehenem unterscheiden. Die Kinder interpretieren das Geschehene mittels ihrer Gedankenwelt. Deswegen sollten wir bei komischen Geschichten wachsam sein und genauer hinhören.

Ein intaktes Hymen sagt uns nicht, dass ein Mädchen Jungfrau ist.

Sexuell übertragbare Krankheiten jenseits der Neugeborenenperiode sind beweisend für sexuelle Kontakte wie : Gonorrhö, Syphilis, Chlamydien (über 3 Jahre), oder HIV . Feigwarzen werden ab dem 6.-8. Lebensjahr verdächtig, davor nicht.