Gefühlsstarke Babys, Regulationsstörungen, "Drei-Monats-Koliken"

Heute möchte ich dich ein bisschen mitnehmen in unsere eigene Geschichte. Eine Kinderärztin kriegt ihr erstes Kind. Und ist natürlich gewappnet mit jeder Menge Erfahrung, Bücher- und Studienwissen. Besser kann man als Erstlingsmama nicht starten. Dachte ich. Und dann kam mein Sohn- und alles war anders als gedacht. Der Kinderwagen blieb in der Ecke stehen. Der perfekte Haushalt und das gesunde Essen für das Wochenbett mussten warten. Mein Sohn schrie und schrie und schrie. Vor allem abends, aber auch tagsüber und gefühlt immer. Wenn er nicht in den Schlaf fand, wenn er nicht in der perfekten Position war (am liebsten aufrecht), wenn ich ihn abgab, wenn man versuchte, Auto zu fahren oder ihn in den Kinderwagen zu legen. Und ich? Rannte zunächst von Pontius zu Pilatus, Osteopathie, Stillberatung, Kinderarzt. Kaufte DEN perfekten Pucksack, DEN neuen Nuckel, eine Federwiege, eine Trage und hoffte auf DIE Lösung. Es dauerte ein wenig bis ich merkte: die Lösung war dem Kind keinen Namen zu geben, nicht nach der Lösung zu suchen. Sondern zu verstehen: mein Baby war temperamentvoll (genauso wie seine Eltern) und hatte einen starken Willen (genauso wie seine Eltern) und das würde sich auch nicht schlagartig nach dem berühmten 3. Lebensmonat ändern. Unsere Aufgabe war es: ihn so zu akzeptieren und unser Leben mit all dem Temperament, das er so mitbrachte ein wenig neu so sortieren.


Ich war immer wieder völlig erstaunt, wie andere Mütter ihre Babys auf den Boden, in den Kinderwagen oder in den Maxicosi legten und gemütlich ihre Tasche packten ohne dass die Herzfrequenz dieser Mütter oder Kinder in die Höhe schoss. Ich beobachtete diese Mütter, die ratschend ihre Kinderwägen mit friedlich drein blickenden Babys durch den Park schoben und je nach Lust und Laune ihre Touren ausdehnten. Ich realisierte so langsam, dass mein Sohn ein bisschen anders tickte als die Babys im Umkreis. Er war einfach ein volles Gefühlspaket mit seiner ganz eigenen Vorstellung. Als er älter wurde, wurde es leichter zu kapieren, was seine Vorstellung war. Möglichst nie auf dem Rücken liegen, kein Kinderwagen, viel Schlaf und Schlafbegleitung. Nach 4,5 Monaten groovten wir uns so langsam ein; immer in Habacht-Stellung, nicht zu viel zuzumuten und die Tagesstruktur nicht zu verlieren.

Die größte Herausforderung dabei war, in uns als Eltern weiter zu vertrauen und zu vertrauen, dass wir einen guten Weg finden würden und dass sein Schreien nicht an einer gestörten Bindung lag. Wo ist Henne und wo ist Ei, fragten wir uns manchmal in dieser Zeit. Wie soll man entspannt reagieren und Ruhe ausstrahlen, wenn der Rücken vor lauter Tragen schmerzt, man vor Übermüdung kaum geradeaus gucken kann und das Kind nach 45 Minuten Tragen in wippendem Elefanten-Gang, rhythmischen Shh- Lauten kurz vor dem Einschlafen doch wieder aufschreckt ?

Wenn wir schon das Gefühl hatten, wir konnten nicht mehr, wie geht es Paaren in dieser Situation mit weniger Ressourcen als wir hatten?

Wie geht es Alleinerziehenden, wie Eltern, die das Verhalten noch weniger einordnen können, wie Eltern, die nicht zusammenhalten?

Eins wurde mir klar in dieser Zeit: noch mehr muss über gefühlsstarke Babys aufgeklärt werden, noch viel früher sollten Hilfsangebote aktiviert werden..

Was ist die Lösung gewesen, fragt ihr mich.

Die Lösung gab es nicht. Genau aus diesem Grund finde ich den Terminus Drei-Monats-Koliken auch so irreführend. Als Eltern bekommt man damit das Gefühl, man müsse eine gewisse Zeit „durchhalten“ und dann wäre das Kind auf Knopfdruck ein anderes. Genauso fatal finde ich die Versprechungen von manchen Globuli, Zäpfchen, Wirbelentblockierungen etc. Wer heilt, hat Recht, ganz klar. Nur sollten wir durch all die Hilfestellungen den Blick auf uns, in uns und auf unser Kind nicht aus den Augen verlieren.

Uns hat vieles trotzdem geholfen: Unser Sohn wurde tatsächlich langsam entspannter. Das Gehirn reifte, ihm tat es gut, mehr und mehr seinen Körper selber einsetzen zu können. Mit viel Einschlafbegleitung achteten wir penibel auf ausreichend Schlaf. Während des Schlafens wurden wir von einem weissen Rauschen begleitet, auch das half. Ich trug ihn so viel es mein Rücken hergab. Ich machte sein Leben „bauchiger“, stellte viele Bedingungen aus dem Mutterleib her.

Nur möchte ich auch sagen: diese Klassiker haben uns geholfen, aber jedes Kind ist verschieden!

Und wir wurden langsam entspannter. Wir merkten, dass wir ihn kennenlernten, dass wir so langsam mehr und mehr kapierten, wie „gute Tage“ für ihn funktionierten. Wir konnten über die Absurdität unseres Elefantenganges und dem ständigen weißen Rauschen, was uns umgab, auch mal herzlich lachen. Und wir gingen auch mal wieder zwei Schritte zurück, hatten auch mal wieder Tage, an denen einfach nichts funktionierte.


Aus der heutigen Perspektive kann ich über diese Anfangszeit sagen, dass sie mit die prägendste Zeit in meinem Leben war. Dass ich nicht nur viel über meinen Sohn lernte sondern vor allem auch über mich selber.

Und dass heute in Retrospektive sein Verhalten von damals ganz viel Sinn ergibt: er ist ein Wirbelwind, immer unterwegs, nie im Stillstand und zwischendurch braucht er uns um von seinen 300 Volt wieder etwas runterzufahren. Genauso wie seine Eltern.